Sonntag, September 17, 2017

Autofahren ist tödlich

Seit einiger Zeit steht auf jeder Zigarettenpackung „Rauchen ist tödlich“.  Das stimmt nicht, wie die Erfahrung zeigt. Rauchen kann tödlich sein, muss es aber nicht.

Vielleicht hat der Gesetzgeber deshalb darauf verzichtet, Autos mit dem Hinweis „Autofahren ist tödlich“ zu versehen.  Schließlich ist es wie beim Rauchen: kann, aber muss nicht. Für 3.214 Autofahrer endete 2016 die Fahrt tödlich. Schlimm genug, aber Millionen kamen wohlbehalten ans Ziel.

Politiker wären jetzt geneigt zu sagen: Jeder tödliche Unfall ist einer zu viel. Verzichten wir auf diese Floskel. Die Automobilhersteller haben das schon immer gewusst. Es ist sicherlich nicht übertrieben zu sagen, dass Autos immer sicherer geworden sind. Gegen leichtfertige, leichtsinnige, verantwortungslose Autofahrer sind die Hersteller natürlich machtlos. Das ist ein etwas anderes Thema, auf das aber noch einmal zurückzukommen ist.

Fest steht: Die Autos heute sind sicherer als die von gestern, von vorgestern ganz zu schweigen, und die Hersteller arbeiten daran, hier immer noch besser zu werden. Allerdings dürfte es höchste Zeit sein zu fragen, ob sie sich nicht verzetteln und mit ihrem Streben nach immer mehr Sicherheit sogar das Gegenteil erreichen.

Kleines Beispiel: der Totwinkelwarner. Wenn von hinten jemand angerauscht kommt und sich im sogenannten Totwinkel befindet, also im Rückspiegel nicht zu sehen ist, macht das System akustisch und optisch darauf aufmerksam. Klingt nach Sicherheit und sieht nach Fortschritt aus. Stimmt, wenn überhaupt, nur bedingt. Die Versuchung ist groß, auf den so wichtigen Blick in den Rückspiegel zu verzichten. Dabei ist eine Erkenntnis sicher: Wer zwischendurch immer wieder  zurückblickt, kommt sicherer voran.

Spurwechsel- Spurhalteassistent. Warum an „keep your lane“ denken, wenn das Auto einem das abnimmt? Abstandswarner. Warum auf den sicheren Abstand zum Vorausfahrenden achten, wenn das Auto es ganz allein macht? Verkehrs-zeichenerkennung – Vorfahrt, Geschwindigkeitsbegrenzung, Halteverbot? Dele-giert ans Auto?   Hat sich da nicht jemand vor Kurzem in Amerika buchstäblich um seinen Kopf gefahren, weil das System ein Verkehrsschild mit einem kreuzenden LKW verwechselte?

Es gibt viele andere Beispiele. Die meisten zeigen, dass falsch verstandenes Sicherheitsstreben der Hersteller zur Entmündigung des Autofahrers führen, zu mehr Gleichgültigkeit, Leichtsinn und - Bequemlichkeit.

Mit der Bequemlichkeit beschäftigen sich andere Bereiche der Hersteller. Über die Autos,  die sich ihren Platz im Parkhaus selbst suchen, die Autos, die erkennen, ob sie in eine Parklücke hineinpassen, und wenn ja, vorwärts oder rückwärts zentimetergenau einparken, sind sie längst hinaus.

Sie sind dabei, uns wie die Kinder zu behandeln, nein, eigentlich wie Demente, die nichts mehr auf die Reihe bringen. Sie arbeiten am Auto, das unseren Kalender kennt, selbständig die beste Route zu den einzelnen Terminen ausfindig macht, uns beim Stau früher weckt und sich vielleicht sogar mit Lieferdiensten  abspricht, die uns unterwegs noch die letzten Einkäufe ins Auto reichen.

Audi-Anzeige in DIE ZEIT, 14. 09:
„Der neue Audi A8 ist mehr. Mehr Büro. Mehr Lounge. Mehr Konzertsaal.“
(Frage: Aber doch nicht etwa weniger Auto?)

Audi-Anzeige im SPIEGEL vom 16. 09:
„Sie glauben nicht an höhere Intelligenz? Denken Sie nicht an ein Auto. Denken Sie in A8. – Der neue Audi A8 . – Ob Sie an sie glauben oder nicht – im neuen Audi A8 werden Sie sie erleben. Seine künstliche Intelligenz lässt sogar die eleganten OLED-Heckleuchten* mitdenken: Sie aktivieren automatisch die Nebelschlussleuchten und dimmen an den Ampeln das Licht, damit andere nicht geblendet  werden. Beim Öffnen des Audi A8 werden Sie von einer Licht-inszenierung* begrüßt, die sich im Innenraum fortsetzt. Beim Aussteigen weisen Ihnen die präzisen Scheinwerfer den Weg zur Haustür. Kaum zu glauben, aber wahr.  – Audi Vorsprung durch Technik. *Optionale Ausstattung.“

(Eine Frage von vielen: Welche Haustür? Etwa nicht nur die eigene?)

Anscheinend noch nicht gelöst sind so kleine Probleme wie Datenschutz und Datensicherheit. Horrorvorstellung: Auf  Knopfdruck eines Cyber-Angreifers machen zig Autos auf der Autobahn eine 90-Grad-Rechtskurve. 

Entmündigung des Autofahrers? Daran wird gearbeitet. Konsequent wäre es, den Führerschein abzuschaffen. Der Kauf eines Autos schließt die Lizenz zum Töten –pardon – zum Fahren – ein.





Samstag, September 16, 2017

Nachrichten aus einer anderen Welt

„Erkennen Sie die Zukunft, wenn sie vorfährt?“ fragt Audi  und gibt darauf auf drei Seiten überraschende Antworten.

Seite 1:
Willkommen in der Digital First Class.
Wer so gut wie alles hat, hat von einem meist zu wenig: Zeit. Die Digitalisierung im neuen Audi A8 schafft Ihnen neue Freiräume. Mit der Ausstattung eines modernen Büros und dem Komfort einer exklusiven Lounge. Lehnen Sie sich bei einer Massage zurück und genießen Sie wahlweise die absolute Stille hinter den Dämmglasscheiben* oder die 1.920 Watt des Bang & Olufsen Sound Systems mit hochauflösendem 3D-Klang*. Sind Sie bereit zum Priority Boarding? Dann erleben Sie den neuen Audi A8 als einer der Ersten auf der IAA. – Audi Vorsprung durch Technik.

*Optionale Ausstattung“

Seite 2:
Machen Sie Ihre IT-Abteilung neidisch.
Endlich gibt es die Technik, die sich ganz von selbst erklärt. Zumindest im neuen Audi A8. Sein intelligentes Bedienkonzept macht Knöpfe weitgehend überflüssig und überzeugt durch innovative Touch Displays mit sensitivem Feedback. Die herausnehmbare Rear-Seat-Remote-Bedieneinheit* lässt Sie auch auf den Premiumsitzen im Fond* des Audi A8 sämtliche Komfort- und Entertainmentfunktionen bequem bedienen. Und das alles so intuitiv dass Sie kein Manual benötigen. Geschweige denn, einen IT-Experten.  – Audi Vorsprung durch Technik.

*Optionale Ausstattung“

Seite 3:
Denken Sie nicht an ein Auto. Denken Sie in A8.
Fortschritt erfordert neues Denken. Vergessen Sie deshalb alles, was Sie über Autos wissen. Und denken Sie neu: innovativer, komfortabler, intelligenter. Der neue Audi A8 ist mehr. Mehr Büro. Mehr Lounge. Mehr Konzertsaal. Mehr Chatroom. Und damit mehr persönlicher Freiraum. Vergessen Sie den Status quo. Denken Sie in neuen Ansprüchen. Denken Sie in A8. – Audi Vorsprung durch Technik.

(Audi-Anzeige in der Hamburg-Ausgabe der ZEIT vom 14. September 2017.)

Ein automobiler Albtraum

Dieses Hohe Lied der automobilen Gebrauchslyrik verdient es, besonders gewürdigt zu werden – Satz für Satz und gelegentlich auch Wort für Wort. Nur so lässt sich eine Welt entschlüsseln, die mehr einem Albtraum gleicht als irgendetwas anderem. Gott schütze nicht nur die Königin, sondern auch uns!

„Willkommen in der Digital First Class.“ – Die Einladung gilt offensichtlich den Menschen, die zu wenig Zeit haben, irgendwelche Freiräume vermissen und ohne rollendes Büro (Office!) mit exklusiver Lounge und Massagesalon nicht zurechtkommen. Irgendetwas scheint ihnen immer zu fehlen, ganz besonders eben Zeit. Dabei hat der Tag doch auch für sie 24 Stunden. Vielleicht können sie sich ihre Zeit nicht richtig einteilen. Ob ein Auto da wirklich hilft? „Bereit zum Priority Boarding?“ Antwort: Danke nein, lieber nicht.

„Endlich gibt es die Technik, die sich ganz von selbst erklärt. Zumindest im neuen A8.“ Ach ja? Endlich? Zugegeben, es ist schon ziemlich lange her, da setzte man sich in Auto, rückte den Fahrersitz zurecht, stellte die Rückspiegel ein – alles mit der Hand – und fand sich sofort zurecht, sogar ohne Führerschein: Knüppelschaltung, Lenkradschaltung, Zündschloss, Gas- und Bremspedal, Hand-bremse, Lichtschalter, Winker oder Blinker – alles und jedes ein klarer Fall. Das war so, auch wenn wir es noch nicht intuitiv nannten. Entsprechend dünn waren die Betriebsanleitungen. Sie gaben Auskunft über Ölwechsel- und Inspektions-zeiten, über Radwechsel und das Auswechseln von Glühbirnen und so. Das mit den Manuals kam später, als sich niemand mehr in seinem Auto zurechtfand und man selbst kaum noch etwas tun konnte.

„Fortschritt erfordert neues Denken. Denken Sie in A8.“ Das ist eine ziemlich komische Art zu denken, weil dazu auch das komfortable Denken gehört,  so die Empfehlung. Denken im Lounge-chair, im Schlaf oder so? Das führt dann zu mehr Büro, mehr Lounge, mehr Konzertsaal, mehr Chatroom, mehr persönlichem Freiraum (was immer das sein soll)?  Wohl kaum, und zu mehr Zeit auch nicht.

Wenn schon in neuen Ansprüchen gedacht werden soll, dann vielleicht mit der Forderung: make it simple, mach es einfach.



Mittwoch, September 06, 2017

Zur Feier des Tages

Auf den ersten Blick haben Feiertage und Gedenktage nichts miteinander zu tun. Dazu sind sie zu unterschiedlich. Wir feiern Erfolge, glückliche Augenblicke und gedenken der Ereignisse, die uns schmerzen, die wir nicht selten am liebsten vergessen würden. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten. Sehen wir uns die Sache doch einmal in Ruhe an.

Beginnen wir mit dem 9. November. Kein Tag wie jeder andere. Im Gegenteil: ein deutscher Schicksalstag. 1918: der Krieg ist verloren. 1923: Der Hitlerputsch, „Marsch zur Feldherrnhalle“. Der Marsch in die Diktatur nur verschoben.1938: Die „Reichskristallnacht“. Jüdische Bürger werden umgebracht, ihre Gotteshäuser, die Synagogen, niedergebrannt. Aus Niedertracht und Menschenver-achtung auf dem Weg zum millionenfachen Mord. Und dann der 9. November 1989: Die Mauer fällt. Zwei Deutschland auf dem Weg zu wieder einem Deutschland.

Drei Katastrophen, ein glückliches Ereignis. Ein Tag zum Feiern, ein Tag zum Gedenken?  Der 9. November ist beides. Sollten wir ihn feiern, dann dürften wir die dunklen Tage nicht vergessen. Aber wir behandeln diesen Tag wie jeden x-beliebigen, wir beachten ihn nicht, haben ihn nicht auf der Rechnung.

Stellvertretend für diesen gedenkens- und feierwürdigen Tag verordnet die Politik uns den 3. Oktober als nationalen Feiertag, als Tag der deutschen Einheit. Das Verdienst der Politik soll hier nicht beiseite gewischt werden. Sie hat legalisiert, was das Volk erreicht hatte: die Einheit. Das ist aber auch alles.

Berechtigt das die Politik, sich sozusagen ins gemachte Bett zu legen und aus dem 9. November einen 3. Oktober zu machen? Nein. Kein Wunder  also, dass dieser verordnete Feiertag nichts anderes geworden ist als ein freier Tag: statt Gedenk- und Feiertag ein Currywursttag.

Eins zu null für den 9. November, klarer Fall. Aber war da nicht noch etwas? Doch. Da war der 9. Oktober.

Wäre am 9. November die Mauer gefallen ohne diesen neunten Tag im Oktober, ohne die 70.000 Leipziger Bürger, die friedlich, aber unnachgiebig durch ihre Stadt zogen und ihre Freiheit verlangten? Ohne die Nikolaikirche und die Pastoren Führer und Schorlemmer und andere namenlose Bürger? Nein.

Neun Gründe führten die beiden Pastoren in einem Aufruf für den 9. Oktober an und fassten zusammen: „Lassen sie uns im glücklich vereinigten Deutschland nicht den Staatsakt vor dem Brandenburger Tor, sondern die gewaltlose Volkser-hebung der Menschen auf den Straßen des Landes feiern. Was im Osten geschah und geschieht, geht uns alle an. Schließlich ist der 9. November nicht ohne den 9. Oktober denkbar.“

So wäre der 9. Oktober der ideale Nationalfeiertag, unbelastet von den dunklen Seiten des 9. November? Ja. Aber die eine wie die andere Möglichkeit blieb ungenutzt. Trotzdem: Vergessen wir diese Tage nicht – die vier des 9. November und den einen, den 9. Oktober.


Nehmen wir die Erinnerung an diese Tage als Ansporn, uns immer, jeden Tag, für eins einzusetzen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das darf uns niemand aus der Hand schlagen, keine Diktatur der Welt.

Grenzenloses Europa - ein Fortschritt?

Die Politik feiert als Fortschritt, dass die Grenzen der einzelnen europäischen Länder nur noch auf dem Papier stehen, und wir Bürger genießen den Vorzug, von Land zu Land zu Land reisen zu können, ohne unseren Pass vorzeigen zu müssen.

Aber warum sprechen wir von Fortschritt, wenn wir diese Freiheit doch schon vor Jahrzehnten hatten? Erich Loest entdeckte – es ist einige Jahre her – an der Autobahnbaustelle Dresden/Prag folgenden Text:

„Vor dem ersten Weltkrieg, als niemand an den europäischen Grenzen Pässe brauchte, fuhr das deutschsprachige Prager Bürgertum – viele Juden darunter – im Luxuszug nach Dresden zum Opernbesuch. Auf der Hinfahrt wurde gespeist, auf der Rückfahrt getanzt. Mit dem Gegenzug strebten Dresdner nach Prag in Theater.“


So ist, was heute Fortschritt genannt wird, eigentlich eine Rückkehr zu den Wurzeln. Das allerdings soll unsere Freude an wiedergewonnener Freiheit nicht mindern. 

Einerseits und andererseits und außerdem

Der Zufall beherrscht unser Leben und gehorcht trotzdem bestimmten Gesetzen. Manche davon sind ganz einfach. Auf jeden Fall sieht das so aus. Ob das auch stimmt?

Welche Münze wir auch in die Hand nehmen – sie hat zwei Seiten. Auf der einen Seite Kopf, auf der anderen Seite Zahl. Selbst wenn sie anders geprägt sein sollten – es bleibt bei zwei Seiten. Das ist so eine Art Gesetzmäßigkeit.

Und richtig: Kopf oder Zahl, links oder rechts, oben oder unten, schwarz oder weiß, richtig oder falsch… die einseitige Zweiseitigkeit der Münze verführt dazu, immer nur zwei Möglichkeiten zu sehen – wenn überhaupt. Es gibt ja auch noch die Alternativlosigkeit, die gern ins Feld geführt wird, wenn man gar nicht mehr weiter weiß. Aber das ist ein anderes Thema.

Bleiben wir bei der der Zweiseitigkeit der Münze, bei den beiden Seiten der Medaille, wie es so schön heißt. Einerseits sind wir für eine bestimmte Sache, andererseits haben wir Bedenken. Wofür sollen wir uns entscheiden? Wir sind zwischen den beiden Möglichkeiten, die wir sehen, so hin- und hergerissen, dass wir gar nicht auf den Gedanken kommen, dass es auch eine dritte, vielleicht sogar ein vierte Möglichkeit gibt.

Natürlich ist das ein Problem, und wir sollten uns Mühe geben, es zu lösen und nicht nur in zwei Möglichkeiten zu denken.

Viel dramatischer ist ein ganz anderes Problem, das Problem, von vornherein nur eine Seite der Medaille zu betrachten und so zu tun, als gäbe es eine zweite nicht. So gut wie immer führt diese Auffassung in die Katastrophe.


Nach so viel vermeintlicher Gesetzmäßigkeit zurück zum Zufall. Wie so oft im Leben spielt er eine große Rolle. Nehmen wir das Fußballspiel. Sobald beide Mannschaften „aufgelaufen“ sind, muss entschieden werden, wer den Anstoß hat, wer mit dem Spiel beginnt. Der Schiedsrichter hat es in der Hand. Und was macht er? Er wirft eine Münze in die Luft und delegiert damit die Entscheidung an den Zufall. 

Gewissensfragen

So viele Menschen, so viele Gewissen. Jeder von uns hat eins, obwohl manchmal von gewissenlosen Menschen die Rede ist. Aer auch diese Menschen haben ein Gewissen. Es wird ihnen nur abgesprochen.

Im Allgemeinen bemerken wir unser Gewissen gar nicht. Nur manchmal meldet es sich. Dann sprechen wir von einem schlechten Gewissen. Wir haben irgendetwas getan oder unterlassen und fragen uns auf einmal: War das richtig? Dann ist es zu spät, und wir müssen überlegen, wie wir unseren Fehler wieder gutmachen können.

Besser wäre es gewesen, wir hätten schon vorher auf unser Gewissen gehört. Natürlich brüllt uns unser Gewissen nicht an. Es spricht leise, und manchmal wispert es nur und ist deshalb schon mal zu überhören. Manchmal allerdings wollen wir es auch nicht hören. Wir hören weg. Eigentlich geht das nicht – wegsehen: ja, weghören: nein – und dann wird unser Gewissen schon mal laut. Alarm! Jetzt müssen wir etwas tun. Wenn wir das getan haben, sind wir wieder mit uns im Reinen und haben ein gutes Gewissen.

Weil wir gerade dabei sind, uns gewissenhaft mit unserem Gewissen zu befassen, fragen wir jetzt doch mal, woher unser Gewissen überhaupt kommt und was es uns sagen will. Dass wir ein Gewissen haben, verdanken wir unseren Eltern, Großeltern und vielleicht sogar unseren Urgroßeltern, dem einen oder anderen Menschen wohl auch. Und was sagt uns unser Gewissen? Es sagt: „Das tut man. Das tut man nicht. Das gehört sich. Das gehört sich nicht.“ Das ist das Grundlegende. Anderes kommt noch hinzu. Wir könnten sagen: Das Gewissen ist der Kompass, das Navi, mit dem wir den richtigen Weg durchs Leben finden.

Richtig. Aber jetzt wird es spannend. Erinnern wir uns daran, dass es so viele Gewissen wie Menschen gibt. Viele stimmen überein, andere sind sich ähnlich und wieder andere unterscheiden sich, nicht selten dramatisch. Das geht hin bis zur Gewissenlosigkeit. Sie muss eine große Anziehungskraft haben, wie so viele schreckliche Beispiele aus der Politik über alle Zeiten hinweg zeigen. Wie kommt es, dass sich unzählige gewissenlose Gewissen zu einer vernichtenden Macht verbinden?

Jetzt aber mal runter aus philosophisch angehauchten Wolken auf den Boden der Tatsachen, der so schwankend ist, dass ihm auch nicht ganz zu trauen ist. Dabei werden wir nicht nur der Gewissenlosigkeit begegnen, sondern auch der Verantwortungslosigkeit. Die beiden Begriffe sind sich ähnlich. Wir sollten sie aber nicht verwechseln. Das würde zu Ungerechtigkeit führen.

„Die Abgeordneten des (deutschen) Bundestages sind nur ihrem Gewissen un-terworfen.“ Das dürfen wir mit Fug und Recht infrage stellen; denn es gibt den Fraktionszwang. Der wird fleißig ausgeübt, von allen Parteien, ist aber in keinem Gesetz und auch nicht in der Bundestagsgeschäftsordnung erwähnt. Es dürfte ihn nicht geben.

Die Argumente, die für den Fraktionszwang ins Feld geführt werden, sind erschreckend und lächerlich zugleich: Ohne ihn ließe sich nicht regieren!

Frage: Handeln die Abgeordneten, die sich dem Fraktionszwang unterwerfen und nicht ihrem Gewissen folgen, gewissenlos? Oder nur verantwortungslos? Auch das wäre schlimm.

Machen wir weiter mit dem Amtseid, den Bundesminister abzulegen haben. Wie sieht es da aus?
Artikel 56 unserer Verfassung legt den Amtseid bzw. den Text des Amtseids fest:
Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“
Das mit Gott geht inzwischen nicht jedem mehr über die Lippen, alles andere schon. Und was bedeutet dieses Gelöbnis? Nicht viel bis gar nichts. Der Amtseid ist eine politische Absichtserklärung und sonst gar nichts.

Mögliche rechtliche Folgen, wie sie von vielen wegen vermeintlichen Eidbruchs von Politikern gefordert werden, gibt es nicht. Der Amtseid ist also, mangels Konsequenz, eine inhaltsleere Hülle. Schlimmer noch: er erzeugt eine Erwartung an etwas, das nicht da ist. 

Selbstbestimmt

Immer wieder und immer häufiger hören und lesen wir, dass jeder von uns das Recht hat, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ist dagegen irgendetwas einzuwenden?  Eigentlich nicht.

Aber was heißt eigentlich? Vielleicht gibt es doch einen Einwand? Und wenn ja, was wäre einzuwenden?

Der wichtigste Einwand: Die um sich greifende, aufs Minimum reduzierte Betrachtungsweise: entweder schwarz oder weiß. Zwischentöne gibt es nicht, von den Farben des Regenbogens ganz zu schweigen. Anders gesagt: Rücksichtslosigkeit. Unter Selbstbestimmung scheint vor allem gemeint zu sein: Ich mache, was ich will. Alles andere und alle anderen sind mir egal.

Natürlich kann man das versuchen. Das kann auch gelingen, oft genug mit den schrecklichsten Folgen. Deshalb empfiehlt es sich, nicht nur einmal zu überlegen, sondern noch ein zweites, vielleicht sogar ein drittes Mal.

Immer nur mit dem Kopf durch die Wand? Am besten nicht. So selbstbestimmt wie wir sind auch die anderen. Also?


Ein ganz klein wenig rücksichtsvoller sein würde helfen. Da müssen wir weder den Arzt noch den Apotheker fragen.

Donnerstag, August 17, 2017

Beim Wort genommen

„Speak you English?“ Dieses Buch von Gunther Bischoff zum Verlernen typisch deutscher Englischfehler ist leider in Vergessenheit geraten. Dabei gehörte es heute mehr denn ja auf den Schreibtisch eines jeden Journalisten.  Das würde uns vor manchen Peinlichkeiten wie „public viewing“* bewahren. Und es wäre Ansporn für die Schreiber zu überlegen, ob es wirklich sinnvoll ist, gedankenlos an die Stelle eines deutschen Wortes ein englisches zu setzen.

Eitle Weltläufigkeit der Autoren soll hier nicht unterstellt werden, und um den Unfug „Deutsche schreibt deutsch!“ geht es schon gar nicht. Es gibt immer wieder und nicht einmal so selten Fälle, in denen ein englischer Begriff schärfer, genauer, treffender ist. Dies sei vorsichtigerweise erwähnt, um unnötige Empörung gar nicht erst entstehen zu lassen.

Sehen wir uns ein paar Beispiele an:

„buzzword“ – wetten, nicht jeder versteht auf Anhieb, was damit gemeint ist. Nichts anderes als „Schlagwort“.

„Open air“- Kino ist nichts anderes als ein „Freiluft“-Kino. Gibt es irgendeinen Grund für die englische Bezeichnung?

„slow motion“ – eine Bildfolge ganz langsam ablaufen lassen, damit jede Einzelheit mit dem Auge erfasst werden kann. „Zeitlupe“ drückt das doch viel beeindruckender aus – oder?

„snapshot“ – zu Deutsch: „Schnappschuss“. Hier könnten wir ein Unentschieden geben. Aber wenn sich der Autor an deutsche Leser wendet, wäre da Schnappschuss nicht die bessere Wahl?

„breaking news“. Wie lange ist es her, dass wir bei Eiligen, bei Wichtigem, Telegramme verschicken, sogar Blitztelegramme! Aber das mit dem Blitz traf die Sache ja. Da kommen wir, vielleicht überraschend, auf „Blitzmeldung“, „Eilmeldung“. Nichts anderes meint „breaking news“: eine wichtige Nachricht, die die geplante Sendereihenfolge durchbricht, die eben wie ein Blitz dazwischen-fährt.

„war room“ – kann was mit Krieg zu tun haben, hat es glücklicherweise aber nicht immer. „Einsatzzentrale“ trifft die Sache in der Regel besser, beeindruckt aber weniger. Dieses Kriegerische stammt wahrscheinlich aus Amerika. In amerikanischen Unternehmen ist ja schon beinahe jeder Abteilungsleiter ein „Officer“. Aber vor dieser Einstellung müssen wir ja nicht strammstehen.

„newsroom“ – für jede Redaktion, ob Funk, Fernsehen oder Zeitung etwas, das es schon immer gab. Irgendwo mussten die Informationen schließlich landen, was aber nichts mit bestimmten Räumlichkeiten zu tun hatte, sondern auch heute noch eine Sache der Organisation ist. Wir haben es hier mit einem virtuellen, nicht wirklich existierend Raum zu tun. Aber das Kind hat jetzt einen Namen, nur im Deutschen nicht.

Stimmt nicht! „Nachrichtenzentrale“. Geht doch. Aber irgendwie fehlt da der Duft der großen, weiten Welt. Lassen wir den Kindern die Trompete.


Donnerstag, August 10, 2017

Heute schon geappt?

Hurra, der neue Rechtschreib-Duden ist da, 27. Auflage! 5.000 neue Wörter stehen drin, andere tauchen nicht mehr auf. „Appen“ soll eins der neuen sein, meint wahrscheinlich das Anwenden einer App. Bisschen komisch vielleicht, aber warum nicht? Das bringt unser Deutsch nicht aus dem Gleichgewicht.

Hauptsächlich englische Wörter reißt das Deutsche an sich und gemeindet sie ein. Dazu gehört auch „Hoody“. Das ist so ein Fummel mit Kapuze. Das wäre nun wirklich nicht nötig gewesen. Wäre es nicht viel lustiger, einen Kapuzenpulli „Kapuziner“ zu nennen? Aber jetzt ist es eben ein Hoody.

Bestimmt wird der Duden noch viel Prügel einstecken für „seine“ neue Rechtschreibung. Das ist aber ungerecht. Der Rechtschreibduden schreibt nicht mehr vor, sagt nicht, was richtig oder falsch ist, sondern er beschreibt. Er beschreibt die Entwicklung unserer Sprache, notiert an die Stelle nicht mehr benutzter Wörter neue – jetzt gerade sage und schreibe 5.000.

Auch wenn so Manchem so Manches nicht gefällt – niemand ist ja gezwungen, alles mitzumachen – schließen wir uns der Großzügigkeit an, die unsere lebendige Sprache (die reichste weltweit?) uns vormacht.

Bastian Sik – „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ – hat in einem Deutsch-landfunk-Gespräch gerade sinngemäß gesagt: Schreibt man uns erst einmal vor, wie wir zu sprechen und zu schreiben haben, dann wird es nicht lange dauern bis  man uns auch das richtige Denken diktiert. Wie das geht und wohin das führt, haben uns Deutschen zwei Diktaturen gezeigt. Das sollte reichen.


Wir plagen uns schon genug mit dem Unsinn der political correctness herum, die uns den Negerkuss und – noch schlimmer – Astrid Lindgrens Negerkönig verbieten will. Mit welchem Recht?

Mittwoch, August 09, 2017

Schon radikalisiert?

Radikalisieren ist seit einiger Zeit angesagt. Mal ist die Rede davon, wie Leute radikalisiert werden und mal von denen, die sich selbst radikalisieren. Das ist kein einfaches Thema. Es geht in die Tiefe – radix: die Wurzel.

Wie geht das eigentlich, sich selbst radikalieren? Wie machen wir es, dass wir nur noch eine Lösung kennen und und sie durchsetzen wollen. Rücksichtslos, alles sozusagen mit Stumpf und Stiel ausrotten?

Wir sehen nur noch schwarz oder weiß, Freund oder Feind, gut oder böse. Wir sehen nicht nach links oder rechts, nicht nach vorn, nur noch zurück auf das, was wir nicht wollen, um keinen Preis.

Und wie ist es mit der Radikalisierung anderer? Da gibt es zwei Möglichkeiten. Die erste: Wir brennen so für unsere radikale Ansicht, dass wir dieses Feuer mit allen unseren Mitteln weitertragen wollen, vielleicht sogar das Gefühl haben, das tun zu müssen. Ein gefährliches Spiel.

Die zweite: Wir wollen einfach nur herausfinden, wie weit wir andere Menschen verführen können. Wir wollen uns unsere Überlegenheit beweisen und die anderen mit unserer Stärke beeindrucken. Das ist die teuflische Variante.

Eine ziemlich philosophische Betrachtung? Nein, überhaupt nicht. Es ist nur die Reaktion darauf, dass alle Welt mit dem Begriff Radikalisierung nur so um sich wirft – bis zur Unerträglichkeit.

Weil das Wörtchen radix schon gefallen ist: Mindestens genauso auf die Nerven gehend ist die seit einiger Zeit um sich greifende Unsitte, jeden Menschen irgendwo wurzeln  zu lassen.

Zugegeben: Ohne unser Vorfahren gäbe es uns nicht – Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, von Adelsgeschlechtern mal abgesehen – aber ist es nicht beleidigend, wenn unsere Eltern so zu Wurzelzwergen degradiert werden?

Haben wir deutsche Wurzeln oder ganz einfach deutsche Eltern? Und – beispielsweise – unsere türkischen Nachbarn, hier geboren und genauso wie wir hier zu Hause, sind die vielleicht entwurzelt?

Überhaupt: Das Rumgezicke mit Migrationshintergrund usw. Was heißt hier Hintergrund? Haben wir nicht einfache Begriffe, die jeder versteht? Einwanderer, Zuwanderer meinethalben, Flüchtling (ach, dieses verquälte „Flüchtende“ grammatisch und in jeder Hinsicht falsch, so wie das Wörtchen gebraucht,  verbraucht wird.)
Dieses Gezicke haben wir der sogenannten political correctness zu verdanken. Aber wer hat die erfunden? Und mit welchem Recht? Und wer befindet darüber, was korrekt ist und was nicht? Wir sollten uns nicht länger auf der Nase herumtanzen lassen von selbsternannten Tugendwächtern. Es genügt, wenn wir ganz einfach höflich sind. 




Dienstag, August 08, 2017

Aus der Spur

Das Auto von heute hilft uns mit den erstaunlichsten Assistenzsystemen, das zu tun, was wir früher ganz allein konnten: Aufmerksam, vorsichtig und rücksichtsvoll fahren – zur eigenen Sicherheit und die der anderen. Das haben wir in der Fahrschule gelernt und sind damit im Grunde genommen gut gefahren. Zugegeben: Wir haben Fehler gemacht. Aber machen Computer, machen Assistenzsysteme, keine? Sicherheitshalber sollten wir uns das nicht einreden lassen. Aber jetzt darüber zu sprechen, würde zu weit führen.

Nehmen wir uns Beispiel einmal den Spurhalteassistenten vor. Der sorgt dafür, dass wir nicht plötzlich auf die Gegenfahrbahn geraten. Könnte ja mal passieren, da wir nicht nur autofahren, sondern auch telefonieren, die neuesten Nachrichten sehen, vielleicht sogar einen Video-Clip, oder nach dem nächsten Restaurant oder Hotel suchen. Das alles lenkt natürlich ab. Dafür haben wir jetzt den Aufpasser. Der sorgt dafür, dass wir nicht aus der Spur geraten.

Wäre so ein Spurhalteassistent nicht auch etwas für die Politik? Eigentlich ja. Das werden wir gleich sehen. Und wir müssen unsere Automobilwelt dabei nicht einmal verlassen. Das Theater um Diesel und um Elektroantrieb spricht Bände.

Der Diesel vor allem, aber auch jeder Verbrennungsmotor ist des Teufels. Die Galgen stehen schon, die Stricke sind geknüpft, die Tage der Hinrichtung bekannt. Im einen oder anderen Land sollen zumindest DieselPKW nicht mehr zugelassen werden. Das ist die eine Seite. Und die andere?

Das Elektroauto. Schadstoffemission gleich null. Seine Technik ist die Rettung, die Rettung vor der Klimakatastrophe.  Ein Glaubenskrieg? Ja. Der Verstand kommt wieder mal zu kurz. Sowas hatten wir immer schon mal. Aber diesmal dürfte es besonders schlimm sein. Die ganze Angelegenheit gerät aus der Spur. Nicht nur die Automobilindustrie fährt ins Abseits.

Schalten wir doch mal vom höchsten Gang, von den Gefühlen,  ein, zwei Gänge runter, schalten wir auf Verstand.

Der Diesel ist eine Schmutzschleuder, ja. Das haben die Autohersteller – nachsichtig gesagt – verbockt. Dabei kann er „sauber“ sein, „sauberer“ als Benziner.  Das haben die Autohersteller selbst bewiesen. Sie können „saubere“ Diesel bauen. Das haben sie sogar schon gemacht. Die Sache ist erprobt. Mit Adblue geht das erwiesenermaßen. Den Herstellern ist das bis heute weniger wichtig als ihr Profit.

Zusammengefasst: Die Serienproduktion des „sauberen“ Dieselmotors ist von heute auf morgen möglich. Die Automobilindustrie muss es nur wollen – oder dazu gezwungen werden. Hier können wir wirklich einmal vom „gesunden Menschenverstand“ sprechen.

Der sagt uns aber noch etwas anderes. Der erinnert uns daran, dass unser Globus irgendwann einmal keinen Tropfen Mineralöl mehr hergeben kann. Egal, wie lange das noch dauert – irgendwann ist auch mit dem Dieselauto und dem Benziner Schluss. Übrigens auch mit vielen anderen Dingen, von denen einige noch wichtiger sind als Autos.

Daraus folgert: Lassen wir ab sofort nur noch „saubere“ (Adblue)Diesel auf die Straße und schaffen wir so schnell wie möglich die „Dreckschleudern“ ab. Und vergessen dabei nicht, dass auch dieser Diesel nicht für die Ewigkeit ist.

Das sieht nach der großen Stunde des Elektroantriebs aus. Null Emissionen, Strom aus der Steckdose. Alles schon ausprobiert. Alles funktioniert. Noch Fragen? Ja.

Fangen wir mit der Steckdose an. Es gibt zu wenige Ladestationen? Ja, aber das lässt sich ändern, daran wird mit Hochdruck gearbeitet, bald kein Problem mehr. Das Aufladen der Batterien dauert zu lange. Auch das wird sich ändern. Die Reichweiten lassen zu wünschen übrig?  Da geht es mit Riesenschritten voran.

Nur eine Frage kommt nicht zur Sprache: Woher kommt der Strom, den wir aus der Steckdose zapfen? Bei allem Fortschritt, den die erneuerbaren Energien erreicht haben – und sie werden noch viel mehr schaffen – der Strom kommt aus Atom- und aus Kohlekraftwerken.

In Deutschland könnte die nicht sicher beherrschbare Atomkraft ein Auslauf-modell sein, so ganz sicher ist das aber noch nicht. Bleiben die Stein- und Braunkohlewerke. Sie produzieren auf die denkbar unsauberste Weise den Strom, den das Elektroauto aus der Steckdose zieht. Eine ziemlich schmutzige Angelegenheit. Nur der von erneuerbaren Energien produzierte Strom macht das Elektroauto so sauber wie es uns heute vorgegaukelt wird. – Aber die schaffen es ja vielleicht mit Ach und Krach, die Atomkraftwerke überflüssig zu machen, nicht aber die Kohle. Ach ja, die Kohle ist übrigens genau so endlich wie das Mineralöl. Irgendwann ist da nichts mehr.

Und noch etwas: In der oberflächlichen Schwarz/weiß-Diskussion der Alter-nativen Diesel/Elektro wird höchstens am Rande wahrgenommen, dass der Bau einer Lithium-Ionen-Batterie genauso belastend ist wie der acht Jahre lange Betrieb eines AdBlue-Diesel.

„Was lernt uns das alles?“ würde Paul Dahlke jetzt fragen, der laut BILD-Zeitung seinem Hund das Schwimmen lernte.

Die Anwort: Nicht nur schwarz/weiß sehen. Aus unterschiedlichen Auffassungen keine Feindschaft machen. Probleme gemeinsam lösen. Und Probleme gibt es mehr als genug. Dazu gehört beispielsweise die Speicherung des regenerativ erzeugten Stroms. Die Verfahren sind bekannt und in der Praxis erprobt. Und der mit Wasserstoff betriebene Motor. Er läuft, aber nur am Rande. Warum eigentlich?

Wir haben also nicht nur Probleme. Wir haben auch Problemlösungen. Keine davon fällt wie ein Geschenk von Himmel. Alles hat seinen Preis. Und noch sind wir zahlungsfähig.

Denken wir deshalb daran, dass Eigentum verpflichtet. Wenn wir schon unsere kleine Erde als unser Eigentum betrachten, dann sollten wir auch unserer Pflicht nachkommen, sie in gutem Zustand zu erhalten – genauer gesagt: sie wieder in einen guten Zustand zu versetzen. Dann könnten wir wieder in die Spur kommen: „keep your lane!“ Nichts ist wichtiger als das, um sicher das Ziel zu erreichen. Kein „crash“ und kein Ende im Straßengraben.

PS: Nachzutragen wären hier noch viele Einzelheiten, z.B.: Warum ist nur von DieselPKW die Rede, nicht von den LKW? Was ist mit den zigtausenden LKW, die aus allen möglichen Ländern durch Deutschland fahren? Ganz zu schweigen vom Abschied der USA aus dem Pariser Umweltschutzabkommen? Und welchen Wert hat die Parisvereinbarung eigentlich? Usw. usw. Ein Thema ohne Ende.

















Wo hast du eigentlich das Brot? Eine märchenhafte und doch wahre Geschichte

Ein wirklich altes Ehepaar, er 91, sie zehn Jahre jünger, beim Frühstück. Ihre Unterhaltung zeigt, dass sie sich immer noch sehr mögen. Als er ein, zwei Sätze nicht zu Ende bringt, weil ihm nicht mehr einfällt, was er sagen wollte, sagt sie: „Was meint denn mein neunzehnjähriger Doktor da mal wieder?“ Er: „Aber hör doch endlich einmal auf mit dieser witzlosen Zahlendreherei.“ Sie: „Warum, Ich fühle mich dadurch noch mal wie 18.“

Ihr Gespräch dreht sich um ihre zunehmende Vergesslichkeit. Namen von Freunden und Bekannten fallen ihnen auf einmal nicht mehr ein, später vielleicht doch, und manchmal fragen sie sich, was sie eigentlich aus der Küche holen wollten. Sie haben es vergessen. Oft hilft es ihnen, ins Wohnzimmer zurückzugehen und sich zu fragen, was sie wollten. Richtig, ich wollte eine neue Tasse holen.

Und dann sprechen die beiden darüber, wie peinlich es ihnen ist, unterwegs gute Bekannte zu treffen, die sie schon tausendmal gesehen und gesprochen haben und deren Name ihnen plötzlich nicht einfällt.

Damit macht sich unser alter Herr auf einen Spaziergang, versehen mit dem Auftrag, ein Brot mitzubringen. Prompt passiert, was schon so oft passiert ist. Er trifft einen seiner früheren Patienten, man kommt ins Gespräch – nur: Wie heißt dieser Mann bloß? Als der, das ergibt sich glücklicherweise so, seinen Namen selbst erwähnt – große Erleichterung.

Beschwingt geht unser alter Herr nach Hause und berichtet von seiner Begeg-nung. Und seine Frau? Sie fragt: „Wo hast du eigentlich das Brot?“

Diese Geschichte beruht auf einem Text von Hans-Georg Voigt, den DIE ZEIT in ihrer Ausgabe vom 27. Juli veröffentlicht hat.)
06. 08. 2017