Samstag, Mai 20, 2017

Kleine Unterschiede - ganz groß

So klein Unterschiede sein mögen – gelegentlich sollte man sie groß heraus-stellen. Das verlangt einfach die Gerechtigkeit. Auch Kleinigkeiten haben ihre Bedeutung.

Was ist der Unterschied zwischen Theater und Musical?  Wenn wir ins Theater wollen, kaufen wir uns eine Karte, eine Eintrittskarte. Für ein Musical brauchen wir ein Ticket.

Wie kann man nur auf so etwas Albernes kommen? Ganz einfach. Man liest eine Ankündigung des Hamburger SchauSpielHauses zum Programm der Spielzeit 2017- 18, und da ist von Karten, Kartentelefon und Kartenservice die Rede, nicht von Tickets, Ticketphone, Ticketservice. Das Theater hat offensichtlich noch keinen Tick, sondern tickt ganz einfach richtig.

Fürs Musical brauchen wir also ein Ticket. Gibt es da – das wäre konsequent – auch Platztickets anstelle von Platzkarten? Diese Frage wäre auch bei der Bahn angebracht. Da gibt es auch nur noch Tickets, aber keine Fahrkarten. Und wie sieht es bei der Platzreservierung aus? Platzticket oder Platzkarte?

Und nun: Ernst beiseite. Man nehme diesen kleinen Ausflug in die Sprache so leicht, wie er hingeschrieben worden ist und nicht als einen treudeutschen Angriff auf den Gebrauch englischer Wörter, die sich im Deutschen eingenistet haben, es sei denn sie werden so dumm und so falsch benutzt wie das Public Viewing.

Ein anderes Beispiel: Der Radfahrer und der Rad Fahrende. Hier geht es um einen Unterschied, der klein aussieht, in Wirklichkeit aber ziemlich groß ist. Also: aufgepasst!

Eine Studentin der Stadtplanung an der HafenCity Universität Hamburg führt im Rahmen ihrer Meisterarbeit eine Umfrage bei Rad Fahrenden durch. Wie sie das machen will, ist rätselhaft; denn diejenigen, die jetzt gerade Rad fahren, wird sie kaum befragen können.

Die junge Dame hat nicht begriffen, dass ein Radfahrer nicht immer auch ein Rad Fahrender ist. Das ist er nur, wenn er gerade im Sattel sitzt. Ein Autofahrer ist ja auch dann ein Autofahrer, wenn sein Auto in der Garage steht. Erst wenn er Auto fährt, ist er ein Auto Fahrender. Wenn wir jemanden fragen, der auf sein Auto zugeht, „sind Sie ein Auto Fahrender?“, wird er sagen: „Ne, im Augenblick bin ich Fußgänger.“ Ein kleiner und zugleich doch großer Unterschied. Wie ist es dazu gekommen?

Das fing vor einiger Zeit mit einem vermutlich absichtlichen Missverständnis einiger Damen an. Sie dachten, dass mit „Studenten“ nur Männer gemeint seien; denn schließlich hieße es „der Student“. Auf den Gedanken, dass „Studenten“ nicht nur Männer, sondern auch Frauen sein können, sind die Damen nicht gekommen. Weil wahrscheinlich auch sie „Studentinnen und Studenten“ zu umständlich fanden, bestanden sie darauf, von Studierenden zu sprechen.

Dass zwischen Studenten, männlich oder weiblich, und Studierenden ein wesentlicher Unterschied besteht, hat nicht nur Roland Kaehlbrandt festgestellt. Aber er hat es besonders deutlich ausgesprochen. Er wünschte sich, dass Studenten doch viel öfter auch Studierende seien, also wirklich studieren.

Abgesehen davon: Der Student. Der Studierende. Beides masculinum. In der von Feministinnen angezettelten Diskussion ist der kleine Unterschied auf ein Nichts zusammengeschnurrt – bis auf die Tatsache, dass die Damen mit der Grammatik nichts am Hut haben.

Wer Absurdes über angestrebte politisch korrekte Schreibweise erfahren will, lese die Abhandlung der „AG Feministisches Sprachhandeln der Humboldt-Universität zu Berlin“. Dort bieten sich aufregende Möglichkeiten wie x-Form, x-Form I, Dynamischer Unterstrich, Wortstammunterstrich, Statischer Unter-strich, Binnen-I – dies nur als Beispiele. Wie gesagt: Von der Arbeitsgemeinschaft angestrebt, aber noch nicht die Regel. Die schönste Idee ist vielleicht, die Wortendung „er“ gegen „a“ zu ersetzen. Also Vata statt Vater, Koffa statt Koffer, Computa anstelle von Computer. Die Begründung: Mit der männlichen Endung würden Frauen diskriminiert.

Wer hilft den feministisch sprachhandelnden Damen zurück zu unverkrampftem Deutsch? Kein Helfa wird ihnen helfen können. Sie müssten sich schon nach einem Helfer umsehen.





Die vier Himmelsrichtungen

Norden und Süden – Osten und Westen. Nur diese vier Himmelsrichtungen gibt es, wenn wir mal die Feinheiten von Nordnordwest, Ostsüdost und so weiter außer Acht lassen. Das würde bei unserem Thema nur verwirren. Hier geht es um Politik und nicht um Geographie. Natürlich macht das die Sache nicht einfacher. Im Gegenteil.

Also: Politiker sprechen neuerdings gern von starken Kompassen, die sie unbedingt haben müssen. Ein starker Kompass? Einer, der die Himmelsrichtungen genau anzeigt, würde doch genügen. Soweit zum Allgemeinen. Und nun zu Speziellen. 

Politiker nehmen vor allem die Ost/West-Achse wahr. Sie unterscheiden vorwie-gend  zwischen Rechts und Links, beispielsweise zwischen Parteien wie DIE LINKE und AfD. Nord/Süd nehmen sie nicht so sehr zur Kenntnis. Dabei ist Nord/Süd viel wichtiger. Das wird spätestens dann klar, wenn  Nord/Süd für reich und arm steht. Genau das ist der Fall.

Offensichtlich fällt es Politikern schwer zu begreifen, dass es ziemlich egal ist, ob man rechts oder links ist. Auch Linke können reich sein und in Geld schwimmen. Und Rechte können bettelarm sein.

Wenn das so ist – und wer will das bestreiten? – was bedeutet das? Zunächst weist es auf die Fehlsichtigkeit der Politiker hin. Sie haben die Nord/Süd-koordinaten übersehen. Sie sehen die Reich/Arm-Problematik nicht.

Wenn sie das doch nur begreifen würden! Wenn sie doch nur sehen würden, dass viele Linke wie Rechte sich ein-und-dieselben Sorgen machen. Wenn ich Angst um meinen Job habe. Wenn ich nicht weiß, wie ich mit meinen beiden unterbezahlten Jobs zurecht kommen soll – dann spielen doch Links und Rechts keine Rolle. Da kann ich so Links sein, wie es linker nicht geht, und so Rechts, dass einem schwarz vor Augen wird.

Entscheidend ist, nicht ausgenutzt zu werden. Entscheidend ist, nicht um seine Zukunft gebracht zu werden. Entscheidend ist, für gute Arbeit gutes Geld zu bekommen. Alles andere regele ich dann selbst. Mehr will ich gar nicht. Dann erübrigt sich die eintönige, die einfältige Ost/West Links/Rechts-Debatte.





19. 11. 2016

So verliert man Wahlen

Die SPD. Durchgefallen. Und das zum dritten Mal. Erst an der Saar, dann in Schleswig-Holstein. Und nun in Nordrhein-Westfalen. Wer etwas dreimal nicht schafft, sich nicht qualifiziert, sucht sich im „normalen“ Leben Aufgaben, die seinen Fähigkeiten besser entsprechen. Politik scheint in dieser Hinsicht nicht ganz normal zu sein. Dazu kann sich eine Partei nicht entschließen. Sie müsste sich ja selbst abschaffen. Wenn es hart auf hart kommt, besorgen das andere. Zusammengefasst: Die Fähigkeit der SPD, im Herbst die No. 1 in der Politik zu werden, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Nicht qualifiziert. Durchgefallen eben.

Tausend Gründe schwirren durch die Gegend, wie das passieren konnte. Dabei ist gar nichts passiert. Es wurde alles gemacht. Der Misserfolg fiel ja schließlich nicht vom Himmel; er war hausgemacht, am wenigsten vielleicht an der Saar. Dort kuschelt man weiter in einer Großen Koalition als Juniorpartner.

In Schleswig-Holstein mag der fehlende Anstand des Herrn Albig seiner Frau gegenüber eine Rolle gespielt haben. Der wesentliche Grund für den Misserfolg, wie jetzt auch in Nordrhein-Westfalen, dürfte eine unbedarfte Weltfremdheit sein: „Mehr Gerechtigkeit für alle.“ Ein frommer Wunsch, von dem jeder weiß, dass er nicht zu erfüllen ist. Ein Versprechen, das nicht zu halten ist. Auch das weiß jeder. Und jeder weiß auch, dass die Binde, die die Augen der Justitia verhüllt, zwar die Gerechtigkeit symbolisieren soll, in Wirklichkeit aber als Blindheit empfunden wird.

So geht es also nicht. Gerechtigkeit hat viele Namen. Und die müssen in einem Wahlkampf auch genannt werden, wenn man gewinnen will. Warum sind unsere Schulen in einem so schlechten Zustand? Warum sind unsere Straßen so marode? Warum stehen wir ständig im Stau? Warum fehlt es an Polizisten? Wir zahlen doch so viel Steuern. Wo bleibt das Geld? Wofür wird es ausgegeben?
Kurz gesagt: Bildung, Infrastruktur, Sicherheit sind die Themen, die wirklich als wichtig empfunden werden. Darunter kann sich jeder etwas vorstellen. Aber unter Gerechtigkeit? Gerechtigkeit für alle? Oder „Mehr Gerechtigkeit für alle!“, also nicht die ganze Gerechtigkeit? Das wurde der SPD in Nordrhein-Westfalen von 74 % der Wähler aufs Butterbrot geschmiert mit der Feststellung „Die SPD sagt nicht, was sie für soziale Gerechtigkeit tun will.“ So verliert man Wahlen.


Samstag, Mai 13, 2017

Zwei Frauen, zwei Unternehmen, zwei Welten. Alles eine Frage des Charakters

Zwei Frauen

Nicola Leibinger-Kammüller, 57. Schwäbische Mutter von vier Kindern, liest jeden Morgen die Bibellosung, spricht außer Schwäbisch auch Hochdeutsch, ist Sprachwissenschaftlerin mit Doktortitel und Chefin des Technologiekonzerns Trumpf. Geprägt durch das Unternehmen, das Unternehmen prägend. Da ist etwas Calvinistisches im Spiel, eine gewisse Strenge, zugleich aber viel Verpflichtung. Mitarbeiter zu achten, gehört dazu. Nicht als Verpflichtung, sondern als Selbstverständlichkeit.

Hiltrud Werner, 50. Hat in Halle Betriebswirtschaft studiert. Daran erinnert der Anklang an einen Dialekt, den man dort spricht. Hat lange Zeit bei BMW gearbeitet, dann rund anderthalb Jahre beim Autozulieferer ZF. 2016 Wechsel zu VW. Leiterin der Revision und jetzt , 2017, Vorstand für „Integrität und Recht“. Eine Managerkarriere wie viele, und wie so viele: anstrengend. Nach unten treten, nach oben einen Diener machen – je tiefer die Verbeugung, desto besser.
Das mag eine böse Verallgemeinerung sein, aber erfunden ist das nicht. Es gibt diese Methode, und viele, die mit Hiltrud – Werner zu tun hatten, sage das sei ihre Methode gewesen. „Jeden Mitarbeiter muss man erst mal drei Treppenstufen nach unten treten, dann kann er sich wieder hochkämpfen.“ Das soll sie am 3. September 2014 gesagt haben. Und so soll sie ihre Arbeit beschrieben haben: „Sie werden Mitarbeiter weinend mein Büro verlassen sehen.“

Zwei Unternehmen

Trumpf. Ein Familienunternehmen. Gegründet 1923. 2,8 Milliarden € Umsatz im Geschäftsjahr 2015/16. Geschäftsfelder: Maschinenbau, Lasertechnologie und Software. Weltweit aktiv. Innovativ und konservativ zugleich. Konservativ verstanden als Zuwendung zu den Mitarbeitern, Zuwendung zu den Kunden. Verantwortung statt Verantwortungsgefühl, auch das konservativ. Keine hektische Quartalsberichterstattung, sondern langfristiges Denken. Keine Shareholder-Politik. Trotzdem kommt die Familie nicht zu kurz. Weil sie alle Beteiligten – Mitarbeiter und Kunden – am Erfolg teilnehmen lässt. Alles geregelt in einem Familiencodex, den jedes Familienmitglied zum 16. Geburtstag erhält. Zuverlässigkeit, Beständigkeit als Grundlage einer erfolgreichen Entwicklung, die auch mit Krisen fertig wird.

VW. Konzern mit über 200 Milliarden € Umsatz. Jahresproduktion: etwa 10 Millionen Kraftfahrzeuge. Die Nummer eins oder zwei weltweit. Über 600.000 Mitarbeiter an 120 Produktionsstandorten. Eine atemberaubende Entwicklung von Anfang an – in vieler Hinsicht, bis hin ins Wortwörtliche: Stichwort Dieselskandal. Lug und Trug, aus der Angst geboren. Ein Konzern, in dem die „unten“, die da „oben“ und die dann die ganz „oben“ fürchteten. Ein Regime des Schreckens. Wenn schon von Unternehmenskultur die Rede sein soll, dann war das, dann ist das eine total versaute. Ein Ende ist nicht abzusehen. Alle sind beteiligt. Die Shareholder, allen voran das Land Niedersachsen. Die Gewerkschaften, der Betriebsrat, der Aufsichtsrat.

Zu schwarz gemalt? Kaum. Weshalb hat Christine Hohmann-Dennhardt das Vorstandsressort „Integrität und Recht“ hingeschmissen? Einer erfolgreichen Arbeit stand der Leiter des Rechtswesens, Manfred Döss, im Wege – Herr Döss, der – so sieht es aus – von Recht und Unrecht so viel hält wie die ganze VW-Führungsmannschaft: nichts! Damit erklärt sich sozusagen von selbst, dass Hiltrud Werner jetzt für „Integrität und Recht“ zuständig ist.

Zwei Welten

Die Unternehmen Trumpf und VW haben das Wenigste gemeinsam. Das Wesentliche unterscheidet sie: ihr Charakter. Das gilt auch für die beiden Frauen, die diese Unternehmen prägen bzw. mitgestalten. Hier zeigt sich, dass nicht nur die Produkte eines Unternehmens, sondern auch sein Charakter zum Erfolg führen – oder ihn behindern, wenn nicht gar verhindern. Was hier kurz, aber hinreichend beschrieben ist, will den Leser anregen, sich eine eigene Meinung zu bilden. In diesem Sinne hat der Leser jetzt das Wort.





Montag, Mai 08, 2017

Kulturbeuteleien

Raten Sie mal, wie viele Kulturen es gibt. Es sind genau 152.  Das ist der Stand von 2016. Ich habe seitdem nicht mehr weitergezählt.  Gratiskultur, Billigkultur, Stillkultur, Sterbekultur, Konsumkultur, Vertrauenskultur, Fehlervermeidungs-kultur sollen es Beispiele genügen. Die Leitkultur steht auf Platz 41.

Herr Merz hat diese Kultur vor ein  paar Jahren erfunden. Gefunden kann er sie nicht haben, denn es gab sie nicht, so wenig wie es sie heute gibt. Aber Herr de Maizière hat sie jetzt auf Platz 1) gesetzt. Von 41 auf Platz 1, einfach mal so – das muss man sich vorstellen!

Unser Herr Innenminister kennt seinen Goethe offensichtlich gut: „In der Be-schränkung erst zeigt sich der Meister.“ 10 Kapitel genügen Herrn de Maiziére. Luther brachte es auf 95 Thesen.

Die Redaktion der ZEIT notiert in der Ausgabe vom 4. Mai noch viel mehr. Erstaunlich, was alles zu unserer Leitkultur prägend beitragen kann. Das geht vom Schäferhund über Currywurst  und Kurzhaarfrisuren bis hin zu den schnell-sten Kassiererinnen der Welt, von Gartenzwergen ganz zu schweigen. Und in den Kulturbeutel gehört natürlich auch die Zahnbürste. Endlich jetzt das Wort der Wörter: Kulturbeutel.

Typisch deutsch. Wir tragen unsere Kultur ständig mit uns rum. Da kann der Kulturbeutel gar nicht groß genug sein. Doof nur, dass das jeder gleich sieht und  wir auch noch stolz darauf sind. Ach, Herr de Maiziére, muss das sein?

Wir geben uns bei der Begrüßung die Hände? Das tun andere auch. Also nicht typisch deutsch, nicht Leitkultur.

 Bei De­mons­tra­tio­nen haben wir ein Ver­mum­mungs­ver­bot. "Ge­sicht zei­gen" – das ist Aus­druck un­se­res de­mo­kra­ti­schen Mit­ein­an­ders, sagen Sie. Haben Sie noch nie „vermummte“ Polizisten gesehen?

„Wir sehen Bil­dung und Er­zie­hung als Wert und nicht al­lein als In­stru­ment.“ Was hat das mit Leitkultur zu tun? Hebt uns das von anderen ab?

„Wir sehen Leis­tung als etwas an, auf das jeder Ein­zel­ne stolz sein kann.“ Eine kulturelle Leistung? Leitkultur?

Die Anerkennung des Existenzrechts des Staates Israel? Das gebietet allein der Anstand.

„Wir sind Kul­tur­na­ti­on.“ Das stimmt. Aber andere sind das auch. Was wären wir ohne die Kultur unserer Nachbarn – Nachbarn aus aller Welt?

„In un­se­rem Land ist Re­li­gi­on Kitt und nicht Keil der Ge­sell­schaft.“ Hinter Religion ist ein Fragezeichen zu setzen. Eine religiöse Gesellschaft sind wir nicht. Nur 60% aller Deutschen sollen Mitglieder der evangelischen und der katholischen Kirche sein – auf dem Papier.

 „Wir haben in un­se­rem Land eine Zi­vil­kul­tur bei der Re­ge­lung von Kon­flik­ten.“ Mag sein. Aber macht uns das anders? Außerdem: Bei Nachbarschafts-streitereien kommt es immer wieder mal zu Mord und Totschlag, im wahren Sinne des Wortes.

„Wir sind auf­ge­klär­te Pa­trio­ten. Ein auf­ge­klär­ter Pa­tri­ot liebt sein Land…“. Wirklich? Herr Heinemann, einer der Präsidenten unserer Republik, sagte: „Ich liebe meine Frau.“ Deshalb, lieber Herr de Maiziére, bitte nicht übertreiben. Wir sind da nicht anders als andere. Ihr Hinweis auf die Kinderhymne von Bert Brecht – Respekt und Gratulation! Hier haben wir etwas Besonderes. Darüber können wir uns freuen.

„Wir sind Teil des Wes­tens. Kul­tu­rell, geis­tig und po­li­tisch.“ Aber die Nato.  Teil einer deutschen Leitkultur? Nein.  Sie ist Teil einer Interessengemeinschaft.

„Wir haben ein ge­mein­sa­mes kol­lek­ti­ves Ge­dächt­nis für Orte und Er­in­ne­run­gen. Bran­den­bur­ger Tor und der 9. No­vem­ber sind zum Bei­spiel ein Teil sol­cher kol­lek­ti­ven Er­in­ne­run­gen. Oder auch der Ge­winn der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaf­ten. Re­gio­na­les kommt hinzu: Kar­ne­val, Volks­fes­te. Die hei­mat­li­che Ver­wur­ze­lung, die Markt­plät­ze un­se­rer Städ­te. Die Ver­bun­den­heit mit Orten, Ge­rü­chen und Tra­di­tio­nen. Lands­mann­schaft­li­che Men­ta­li­tä­ten, die am Klang der Spra­che jeder er­kennt, ge­hö­ren zu uns und prä­gen unser Land.“ 

Ja. Das alles ist richtig und auch wieder nicht. Wir sind so deutsch wie die Franzosen französisch sind, die Italiener italienisch usw. Wir unterscheiden uns voneinander, manchmal mehr, als es uns lieb sein kann.

Elke Schmitter hat es im SPIEGEL kurz und bündig geschrieben: „Kultur ist, was selbstverständlich ist.“ Die Art und Weise, wie wir leben, wie wir  uns benehmen, wie wir die Dinge sehen, woran wir glauben und woran nicht. Ein buntes Durcheinander von gut und schlecht, richtig und falsch. So ist es mit allen Kulturen.

De Gaulle hat den Unterschied zwischen der französischen und der deutschen „Kultur“ auf den Punkt gebracht: „Die Deutschen lieben Frankreich, die Franzosen achten Deutschland.“ Sogar damit kann man zurechtkommen – ganz ohne Leitkultur.

Abschließend zu Herrn de Maiziére; Die gute Absicht führt nicht immer zu einem guten Ergebnis.











Sonntag, April 30, 2017

Globalisierung. Spiel mit gezinkten Karten

Beim Thema Globalisierung geht es nicht mit rechten Dingen zu. Wer spielt hier falsch? Einer, eine Clique oder vielleicht sogar alle? Versuchen wir, es herauszu-finden.

Das Vernünftigste dürfte es sein, bei den Menschen anzufangen, die sich vor der Globalisierung fürchten. Wer sind diese Menschen, wo finden wir sie und was macht ihnen Angst?

Wir müssen nicht lange suchen, um festzustellen, dass wir ihnen in den verschiedensten Bevölkerungsgruppen begegnen: Arbeitslose, Zeitarbeiter, Leiharbeiter, Wissenschaftler mit befristeten Verträgen. Das Ungewisse macht Angst. Es ist nicht nur die Furcht, morgen vielleicht auf der Straße zu stehen, arbeitslos, mittellos. Da ist auch die Sorge, nicht weiter voran zu kommen, irgendwann „abgehängt“ zu sein, das Gespenst, sein Alter in Armut zu verbringen. Und was soll aus den Kindern werden? Sie sollten es besser haben. Und nun?

Wo immer wir uns umsehen, es ist überall dasselbe: in Deutschland wie in Frankreich und Italien, in den Niederlanden, in Dänemark, in Griechenland, Spanien, Portugal, in ganz Europa.

Alle diese Probleme überall – die müssen doch eine Ursache haben. Das sagt einem schon der „gesunde Menschenverstand“. Und was sagt der noch? An allem ist die Globalisierung schuld, sagt er uns. Ob das wirklich stimmt? Richtig oder falsch – das sei für den Augenblick noch dahingestellt. Auf jeden Fall ist der einzelne Mensch ratlos, fühlt sich hilflos. Genau das ist ein gefundenes Fressen für eine ganz bestimmte Gattung von Politikern,  für die „Rechtsaußen-Populisten“.

Die „Rechtsaußen“ sind so gut wie überall in Europa auf dem Vormarsch. Hier und da ist Schlimmes, wenn nicht gar das Schlimmste, zu befürchten. Die „Rechtsaußen“ sind dabei, ein kompliziertes, aber erstmals seit über 70 Jahren friedliches Europa, in seine Bestandteile zu zerlegen. England ist raus, Frankreich steht auf der Kippe.

Das Rezept ist einfach. Erstens: Die Globalisierung ist an allem Unglück schuld. Zweitens: Die Nationalisierung ist das einzige Mittel, das verloren gegangene Glück zurückzubringen. Deutschland den Deutschen, Frankreich den Franzosen, Polen den Polen, Ungarn den Ungarn usw. Wenn wir erst mal wieder unter uns sind, wird alles wieder gut. 

Zurück in die Vergangenheit also. Zur Achtung vor dem Anderen wird wieder die Verachtung hinzugefügt. In den Niederlanden werden die Deutschen wieder die Moffen, in Frankreich die Boches, und die Deutschen sprechen wieder von den Polacken. Missachtung und Missgunst folgen. Jeder für sich. Alle gegen alle. Nationalismus gegen Globalisierung. Das Leben kann so einfach sein, wenn wir es mit den Augen der „Rechtsaußen-Populisten“ betrachten. Aber vielleicht geht das gar nicht. Vielleicht sind die „Rechtsaußen“ blind. Dann sollten wir ihnen nicht blindlings folgen.

Vieles spricht dafür, dass hier mit gezinkten Karten gespielt wird. Auf jeden Fall wird gepokert auf Teufel komm raus. Wir sollten aber noch etwas Geduld aufbringen; denn etwas haben die „Rechtsaußen-Populisten“ mit allen anderen Politikern gemeinsam: Sie überschätzen sich. Deshalb gehen sie mit der Globa-lisierung auf sehr merkwürdige Weise um.

Die Politik tut weltweit so, als sei Globalisierung nichts anderes als Welthandel. Natürlich gehört der Handel mit Waren aller Art von Land zu Land, von Kontinent zur Globalisierung. Die ist aber viel mehr.

Globalisierung ist die weltweite Ausbeutung von Menschen. Globale Unter-nehmen spielen die Menschen des einen gegen die anderer Länder aus. Wer am billigsten produziert erhält den Zuschlag. So wandern Produktionen von einem Land zum anderen, hinterlassen Arbeitslose an den ursprünglichen Standorten und produzieren zu Hungerlöhnen an den neuen.

Konzerne beherrschen die Welt. Sie sind jedem Staat, auch dem mächtigsten, weit überlegen; denn sie kennen, anders als Staaten, keine Grenzen. Grenzen sind für sie ein Fremdwort.

So bleibt unverständlich, weshalb die Medien von dem mächtigsten Mann der Welt sprechen, zurzeit soll das Donald Trump sein, und von der mächtigsten Frau der Welt, Angela Merkel. Das ist so  lächerlich, dass einem das Lachen vergeht.

Die US-Ölkonzerne pfeifen, und Herr Trump springt. Die deutsche Automobil-industrie hebt missbilligend die Augenbrauen, und Frau Merkel macht einen Hofknicks – gegen jede politische Etikette, gegen jeden Anstand.

Politik ist weltweit erpressbar geworden. Wirtschaft und Politik würden das nie zugeben. Aber es fragt sie ja auch niemand danach. Warum eigentlich? Stecken wirklich alle unter einer Decke?

Bleibt für den Augenblick festzustellen: Ja, es wird mit gezinkten Karten gespielt. Politik und Wirtschaft sind ertappt. Die „Rechtsaußen-Populisten“ mischen mit. Der kleine Mann, ob Straßenfeger oder Professor, ist der Dumme.

Wie wäre es mit einem neuen Spiel?













Alles Feinste bleibt privat

Der Wahlkampf in Schleswig-Holstein wird lauter. Auch peinlicher? Das kommt auf den Standpunkt an.

Das Hamburger Abendblatt auf seiner Titelseite der Wochenendausgabe 22./23. April: „Müssen Politiker mehr über ihr Privatleben verraten? Ministerpräsident Albig fordert Volksvertreter auf, sich den Bürgern als ‚ganz normale‘ Menschen zu zeigen“.

Dass zwischen Politikern und „normalen Bürgern“ oft Welten liegen, wird kaum jemand bestreiten. Das macht Verständnis und Verständigung schwierig bis unmöglich. So betrachtet hat die Anregung Albigs etwas für sich. Die Frage, was oder wer ein „normaler Mensch“ ist, überschlagen wir mal, sonst wird die Sache zu schwierig.

Herr Albig will zeigen, „dass wir (die Politiker) ganz normale Menschen sind mit Stärken und Schwächen und nicht elitäre Politikmaschinen.“ Wähler wollen wissen: „was das eigentlich für Menschen sind, die für sie Politik machen. Sind sie ganz anders als wir, oder haben sie nicht dieselben Probleme? Wie lösen sie sie? Sind sie vielleicht doch nicht so anders?“

Das alles klingt einleuchtend. Aber ist es das wirklich? Beurteile ich die politische Auffassung, die Herr Albig für seine Partei vertritt, anders, wenn ich erfahre, dass er sich scheiden lassen will und seine neue Lebensgefährtin heiraten will?

Was Herr Albig hier zur Sprache bringt, erinnert mich an die aus den USA importierte Unsitte von Managern, ungefragt zu erzählen, dass sie verheiratet sind, so und so viele Kinder haben und überhaupt ganz „normale Menschen“ sind. Will das wirklich jemand wissen? Macht es uns den Manager sympathischer, der tausende von Mitarbeitern auf die Straße setzt, um den shareholder value zu steigern?

Manager versuchen hier,  sich ihre Rolle schön reden. Und jetzt auch die Politi-ker?

Herr Albig spricht vom Menschen hinter dem Politiker. Haben wir es hier mit einem Fall von Schizophrenie zu tun? Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein zu Hause, aber nicht in der Politik.

Vor Menschengedenken, als die Werbung die Umworbenen und sich selbst ernst nahm, warb die Cigarettenmarke Muratti Privat mit „Alles Feinste bleibt privat.“ Das sollten wir wieder beherzigen.


Montag, April 17, 2017

Festung Europa

Wir haben über Jahrhunderte hinweg Afrika ausgeplündert, machen es heute noch auf unterschiedlichste Weise – nehmen die Bodenschätze als wären sie unser Eigentum, benutzen Afrika als Müllkippe für unseren Wohlstandsschrott, zu dem nicht nur ausgebrauchte Technik gehört, sondern -  schlimmer noch – Lebensmittelreste wie Hühnchenflügel, nehmen damit den einheimischen Bauern die Lebensgrundlage; denn gegen unsere subventionierten Dumpingpreise haben sie keine Chance.

In unserer raffiniert verpackten Habgier nehmen wir den Menschen in Afrika so gut wie alles, was sie zum Leben brauchen, vor allem den Lebensmut.

Was sie bei sich nicht mehr finden, suchen sie jetzt bei uns. Aber wir wollen sie nicht haben. Wir wehren uns mit Händen und Füßen. Wir wehren uns mit Frontex und schrecken vor nichts zurück.

Ein privates Seenotrettungsschiff ist dieser Tage mit 400 aus dem Mittelmeer gefischten Flüchtlingen in Seenot geraten. Anlass für unsere Grenzschutzagentur Frontex, diese und andere private Retter zu beschuldigen, sie würden mit ihren Rettungsaktionen zur Flucht nach Europa ermutigen. Nichts davon ist wahr*. Aber niemand geht auf die Barrikaden. Wir sollten uns schämen!

Wir sprechen von europäischen Werten, nicht zuletzt von christlichen, die unser Europa geprägt haben sollen und lassen die Ausgeplünderten zur Hölle fahren. Wer hätte gedacht, dass der Weg zur Hölle durchs Mittelmeer führt?

* DIE ZEIT berichtet am 6. April unter dem Titel „Retten schadet nicht“ über eine Studie von Rob Gruijters (Institut für Soziologie in Oxford) und Elias Steinhilper (Scuola Normale in Florenz). Diese Studie widerlegt die Frontex-Behauptungen. Trotzdem will Österreichs Außenminister Sebastian Kurz den „NGO-Wahnsinn im Mittelmeer“ beenden, und der Staatsanwalt von Catania kündigt Ermittlungen gegen die zivilen Retter an.


Ostermontag, 17. April 2017 

Dienstag, März 28, 2017

"Pioniere der Ausbeutung"

So bezeichnet DIE ZEIT in ihrer Ausgabe vom 23. März 2017 Wal-Mart und Amazon. Diese Handelsriesen haben nach diesem Bericht die amerikanische Wirtschaft aus dem Gleichgewicht gebracht.  Hinzugefügt werden muss: nicht nur die amerikanische Wirtschaft.

Waren früher die Händler die Dienstleister der Hersteller, hat Wal-Mart den Spieß umgedreht. Procter & Gamble machen 14 % ihres Umsatzes mit Wal-Mart, bei Pepsi sind es 13 %, bei Kellogs sogar 20 %. Das schafft Abhängigkeit. Entsprechend rigoros behandelt der Handelsriese seine Lieferanten – bis hin zu den Preisen. Die können gar nicht niedrig genug sein, weshalb Wal-Mart begann, in Billiglohnländern, z.B. in China, in großem Stil einzukaufen. Das setzte die US-Hersteller so unter Druck, dass sie anfingen, ihre Produktion in eben diese Länder zu verlagern. Eine der Folgen: Arbeitsplatzverluste in den USA, geringere Löhne in den USA. Ein kurioser Teufelskreis: Wal-Mart sorgt mit seiner Politik für niedrige Preise, gleichzeitig aber auch für geringere Löhne. Die sind oft so gering, dass die Menschen auf die niedrigen Wal-Mart-Preise angewiesen sind.

Amazon beschäftigt weltweit 300.000 Mitarbeiter, dazu kommen zig tausende Zeitarbeiter, allein für das Weihnachtsgeschäft in den USA 120.000. Billige Arbeitskräfte und doch auf Dauer gesehen nicht billig genug. Amazon setzt auf Automatisierung. 2012 wurde der führende Spezialist für Lagerhausroboter – Kiva – gekauft. 30.000 Kiva-Roboter sparen dem Unternehmen mehrere Milliarden Dollar. Und das dürfte erst der Anfang sein.

Das Wichtigste kommt im ZEIT-Bericht nur hintergründig zur Sprache. Nicht nur Wal-Mart und Amazon arbeiten international, die ganze Weltwirtschaft ist globalisiert. Die Politik ist dagegen national orientiert.

Die Staaten betreiben, zumindest was die Wirtschaft angeht, Kirchturmpolitik, Politik auf Schrebergartenniveau. Und so ist die Wirtschaft inzwischen zu bestimmenden Macht geworden, weltweit. Die Politik wurde zum Erfüllungs-gehilfen degradiert. Die Willfährigkeit von Frau Merkel gegenüber der deutschen Automobilindustrie ist nur ein Beispiel dafür. Herr Trump kann es nicht besser. Die Wirtschaft, nicht zuletzt die Finanzindustrie, gibt den Ton an, tanzt den Staaten auf der Nase herum.


Was vornehm Neoliberalismus genannt wird, ist Raubtierkapitalismus. Der frisst jeden Anstand auf, jedes Verantwortungsgefühl und eine Demokratie nach der anderen.

Montag, März 27, 2017

Was zu viel ist, ist zu viel.

Wenn ein Redner sein Publikum mitreißt und am Schluss alle voller Begeisterung aufspringen, schreibt man gern von Standing Ovations. Nach einem hervorragend dargebotenen Theaterstück werden die Darsteller oft mit nicht enden wollendem Applaus belohnt. Je öfter sie sich verbeugen, ihren Diener machen, desto heftiger wird applaudiert. Ist eine bedeutende Person zu ehren, wie zum Beispiel Martin Walser zu seinem neunzigsten Geburtstag, hält eine oft nicht weniger bedeutende Person eine Laudatio. So weit so gut.

Wenn aber das Handelsblatt dem Herrn Wals „laudadiert“, dann geht das zu weit. „Laudadiert“! Was hat sich der Autor dabei gedacht?  Wahrscheinlich nichts.  Und was kommt beim Nichtdenken heraus? In diesem Fall nichts weiter als Angeberei: Seht her, wie gewählt ich mich ausdrücken kann.

Nichts ist so schlimm, dass es sich nicht noch übertreffen ließe. Michael Altmaier gelingt das mit dem Wörtchen „intimidierend“ mühelos. Was er damit meinte? Einschüchternd, abschreckend zum Beispiel Kennt er diese einfachen Wörter nicht?  Doch, doch, gewiss kennt er sie. Er wollte nur Eindruck machen. Das ist ihm bei mir gelungen. Herausgekommen ist ein schlechter Eindruck – vermutlich nicht nur bei mir. (DIE ZEIT, 2. März: „Du bist, was du liest“)

Kinderglauben

Kleine Kinder glauben, dass ein Werkzeug böse sein kann. Der Hammer, weil sie sich damit den Daumen getroffen haben, das Messer, weil sie sich geritzt haben und die Nadel, weil sie sich damit gestochen haben.

Sind wir erwachsen, geben wir ungern zu, dass wir diesem Kinderglauben noch immer anhängen. Mehr noch: Wir bestreiten das. Dabei sprechen wir im Brustton der Überzeugung von guten und bösen Computerprogrammen – verkürzt: dass es gute und böse Programme gibt, demzufolge gute und böse Computer. Das stimmt aber nicht.

Auch moderne Werkzeuge – Computertechnologie, die korrekterweise Computertechnik genannt werden sollte – sind weder gut noch böse. Ihre Anwendung, was man damit macht, das kann so oder so sein. Auf diesen Unterschied macht „Algorithm Watch“ und widerspricht damit zu recht der Forderung von Steven Hill, auf digitale  Technologien zu verzichten.

Das Team „Algorithm Watch“  erläutert das an den ADM-Systemen (automated decision making). Damit werden Entscheidungsmodelle in Rechenverfahren übersetzt, um daraus Aktionen oder Handlungsvorschläge abzuleiten. Das dürfte oft vorteilhaft sein, aber nicht immer.

Ein Beispiel: Wenn Menschen von einem ADM-Programm betroffen sind, werden sie nach der Datenspur bewertet, die sie hinterlassen. Die Person wird sozusagen an ihrer Vergangenheit festgenagelt, sie verliert die Bedeutungshoheit über diese Vergangenheit. Darüber bestimmen jetzt die Techniker hinter dem Algorithmus. Das sei zwar legitim, sagt „Algorithm Watch“, wird aber zum Problem, wenn ADM zur einzigen Methode der Beobachtung, Erklärung und Prognose menschlichen Verhaltens wird. Damit wird dem Menschen seine Lernfähigkeit abgesprochen.

Noch einmal, damit wir es nicht vergessen: Nicht das Werkzeug ist „gut“ oder „böse“, sondern das, was wir damit machen.

Gleich noch ein Sprung zur Computergläubigkeit, die dem Kinderglauben sehr ähnelt: Es stimmt zwar, dass sich Computer nie, oder so gut wie nie, irren. Aber sie kennen nur ihr Programm, sie kennen nur die Wahrheit, die man in sie hineingesteckt hat. Deshalb sollten wir dem Computer nicht immer alles glauben. Wahrscheinlich wäre es übertrieben, hier den „gesunden Menschenverstand“ ins Feld zu führen. Ein gutes Maß an gesundem Misstrauen sollte genügen.

(Quelle: DIE ZEIT, 02. 03. 2017)