Sonntag, September 04, 2016

Das aktuele Sprachsündenregister


Erster Eintrag: Suboptimal. Ein Beispiel für kraftvolles Deutsch, im wahren Sinne des Wortes. Frau Kraft, Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen nannte die Flüchtlings-politik der Bundesregierung suboptimal. Auf Google-Niveau übersetzt heißt das unterbestmöglich.  Das wäre doch was! Endlich mal reinrassiges Deutsch.

Zweiter Eintrag: Zeitnah finalisiert. Diese Formulierung kauderwelsch zu nennen, ist nicht bösartig, sondern korrekt. Schließlich hat Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, dieser Tage gesagt: „Alle Regelungen müssen zeitnah finalisiert werden.“ Wie anders als kauderwelsch sollte Herr Kauder auch sprechen? Wie wäre es mit „Alles muss umgehend geregelt werden“ – Herr Kauder?

Das ist natürlich nicht so hochgestochen wie zum Beispiel Selbstreferentialität (DIE ZEIT No 36, 25. August, Seite 50) Selbstdarstellung? Der Nachsatz „Der Single als Star“  macht diese Übersetzung wahrscheinlich.

Es gibt aber auch etwas Erfreuliches in diesem ZEIT-Artikel zu lesen: „Weiblicher Umtänzelungswunsch“, „Männliche Erledigungsphanta-sien“. Ist das nicht schön gesagt?

Zurück ins Tal der Sprachsünden! Was meint Slavo Zizek mit folgendem Satz? (DIE ZEIT No 34, 11. August): „Denn die Technologie von Pokémon Go läuft auf nichts anderes hinaus als auf eine Externalisierung des Grundmechanismus von Ideologie.“ Was damit gemeint ist, möge jeder Leser für sich selbst herausfinden.

Wie im Feuilleton der WELT vom 1. September zu lesen  ist, kann man die Zeit jetzt auch in Scheiben schneiden. Jedenfalls wird in dem Beitrag „Zehn neue Wörter, die bald erfunden werden müssen“ auch das Wort Zeitscheibe erwähnt. Während der Beitrag als Joke angeboten wird, ist Zeitscheibe ernst gemeint. Dann wollen wir uns von der Zeit doch mal eine Scheibe abschneiden, bevor nichts mehr davon übrig ist.

Bemerkenswert auch das Wort Benennungslücke. Wenn für eine Neuheit in Technik oder Gesellschaft ein neues Wort gefunden wurde, dann sagen Wissenschaftler, es sei eine Benennungslücke geschlossen worden. Klingt das nicht so schrill wie wenn jemand durch eine Zahnlücke pfeift? Wirklich, manchmal möchte man die Augen zu machen und sich die Ohren zuhalten. Blind und taub möchte man sein oder – Wissenschaftler. Dann müssten andere leiden.